Der richtige Umgang mit Kritik: Die Annahme konstruktiver Anteile

von Hans-Marcus Röver

Geäußerter Kritik offen und konstruktiv zu begegnen, fällt uns meistens schwer. Oft werden eher negative Gefühle berührt, was oft auch mit der Art und Weise der vorgetragenen Äußerung zu tun hat. Oft reagieren wir mit bereitwilligem Schuldeingeständnis oder blasen zum unmittelbaren Gegenangriff, um den Kritiker mit aller Macht in die Schranken zu weisen. Mit solchen Verhaltensweisen erheben wir uns gegenüber unserem Gesprächspartner oder machen uns unnötig klein. Möglicherweise wertvolle Inhalte und Hinweise kritischen Feedbacks bleiben uns so verborgen.

Gerade im Berufsleben wird Kritik oft automatisch als Abwertung empfunden, die aus einer Konkurrenzsituation oder einem Machtverhalten heraus motiviert ist. Eine sofortige Distanzierung von jeder Art von kritischem Feedback hat aber oft zur Folge, dass sich Mitarbeiter und Kollegen in Zukunft zurückhalten und kritische Beobachtungen fortan hinter dem Rücken der Person austauschen. Die konstruktiven Anteile einer kritischen Äußerung zu untersuchen und für das eigene Wachstum zu nutzen, signalisiert dagegen Bereitschaft, das eigene Verhalten zu überprüfen und den Beobachtungen anderer Raum zu geben. Dem Kritisierten wird damit auch eine wertvolle Gelegenheit gegeben, sein Selbst- und Fremdbild zu harmonisieren.

Zu einer grundsätzlich offenen Gesprächshaltung gegenüber kritischen Feedbacks gehören drei wichtige Regeln, die zur Deeskalation beitragen und dem Gesprächspartner signalisieren, dass sein Anliegen ernst genommen wird: 1. Zuhören. 2. Zuhören. 3. Zuhören. Zuhören bedeutet allerdings nicht augenblicklich, dass jeder Inhalt vorbehaltlos entgegengenommen und akzeptiert werden muss. Es ist aber eine Gesprächshaltung, die sich souverän dem reaktiven Instinkt, sofort zurückzuschlagen, widersetzt und so verhindert, dass der Konflikt auf der Beziehungsebene und nicht mehr auf der Sachebene „gelöst“ wird.
 
Wer Kritik empfängt, sollte das Gehörte in Ruhe prüfen und schauen, was ihm davon nützlich ist. Das Wiederholen der zentralen Aussagen hilft, die eigenen Gedanken zu ordnen und dem Gesprächspartner zu zeigen, dass er verstanden wurde. Zuhören als wichtigste Grundregel hilft auch, zu verstehen, was ein nachvollziehbarer oder nützlicher Anteil der geäußerten Kritik ist und was auf Projektionen, Entwertungen oder falschen Informationen basiert. Letzteres kann klar zurückgewiesen werden, falls es die Situation erfordert – aber möglichst erst dann, nachdem die nachdenkenswerten Aspekte offen benannt wurden.

Meisterschaft ist erreicht, wenn in der Folge eines Gesprächs Vereinbarungen oder Absprachen getroffen werden, um einen Konflikt in Zukunft zu vermeiden und sich die Gesprächspartner zu einem späteren Zeitpunkt Rückmeldung geben und gemeinsam Bilanz ziehen.